"Mein Herz schlägt Tag und Nacht, egal was ich mach" - Seenotrettung mit Sea-Eye
- 29.07.2025 -
Johannes Schweigler arbeitet als rechtlicher Betreuer beim Diakonischen Werk Freiburg.
Er kümmert sich beruflich um Menschen, die Unterstützung im Alltagsleben brauchen. Dieses Jahr nimmt er Urlaub, um sich ins Mittelmeer aufzumachen. Soweit nichts ungewöhnliches. Doch Johannes Schweigler hilft in seinem Urlaub Menschen zu retten, die sonst kaum Chancen hätten. Im folgenden Beitrag erfahren wir mehr darüber.
Seenotrettung im Mittelmeer
Johannes Schweigler auf Rettungsmission vor der Libyschen Küste
Ein Artikel von Gisela Heizler
„Demonstrieren gegen die Flüchtlingspolitik der Regierung war mir eines Tages einfach nicht mehr genug“, sagt Johannes Schweigler angesichts der Bilder von völlig überladenen Flüchtlingsbooten im Mittelmeer und dem Wissen, dass täglich Menschen ertrinken auf ihrer Flucht vor Mord, Folter und Vergewaltigung. „Diese Menschen gehen das hohe Risiko ein zu ertrinken, sie nutzen jeden Strohhalm um nach Europa zu kommen. Und mit der Ablehnung der Politik, die in Seenot geratenen geflüchteten Menschen aus dem Mittelmeer zu retten, wird die Katastrophe zu meiner persönlichen Angelegenheit“ findet Johannes Schweigler.
Nach langen Jahren als sehr erfolgreicher, weltweit tätiger Geschäftsmann im Marketing, ist er vor einigen Jahren wieder in sein Elternhaus im Stadtteil Waldsee zurückgekehrt. Vorausgegangen war eine Lebensveränderung von der oberflächlichen Werbewelt in den sozialen Bereich. Früher war er u.a. für die Vermarktung von Roboterhänden zuständig, heute kocht er an Weihnachten ehrenamtlich für die Heilsarmee. „Darin sehe ich für mich persönlich einen viel größeren Sinn“, so Johannes Schweigler, der inzwischen als Berufsbetreuer für Menschen tätig ist, die ihr Leben selbstständig nicht mehr geordnet bekommen.
Ihm wurde immer mehr bewusst „wenn ich mich nicht dafür einsetze, sterben Menschen, deren Tod ich mit zu verantworten habe“. Und so reifte in ihm der Entschluss direkt vor Ort zu helfen. Als er im Newsletter einer Rettungsgesellschaft den Aufruf „Koch gesucht“ entdeckte, war die Zeit gekommen. Endlich konnte er sich einbringen und im Januar war er bei einer Seenotrettungsgesellschaft direkt vor der Libyschen Küste auf der Alan Kurdi mit dabei.
Nachfolgend ein bewegender Auszug aus seinem Tagebuch und die Schilderung einer Rettungsmission, bei der einige Menschen gerettet werden konnten. Die Gewissheit aber, dass täglich Geflüchtete im Mittelmeer ertrinken, bleibt:
Auszug aus dem Tagebuch einer Seenotrettung im Mittelmeer
von Johannes Schweigler
Wir können nicht entscheiden, ob Menschen fliehen - wir können aber entscheiden, ob sie lebend ankommen oder nicht.
Die meisten Flüchtlingsboote fahren von einer geschützten Bucht vor der lybischen Küste bei Tunis los. Unser Zielgebiet liegt daher 25 Seemeilen vor Afrika. Dies ist die sogenannte Such- und Rettungszone (SAR) für Rettungsschiffe.
Weil Sturm angesagt ist, wird das „Auslaufen“ der völlig überladenen Gummiboote durch den Seegang erschwert. Daher haben wir nur wenig Zeit das Rettungsschiff in Position zu bringen. Wer es von den Geflüchteten trotzdem in der Nacht hinaus aufs Mittelmeer wagt, kommt selten im 135km entfernten Europa an. Das wissen wir. Deswegen werden die Schiffswachen verdoppelt und die Wachzeiten von 4 auf 2 Stunden verkürzt. Das erhöht die Konzentration und die Chance, Flüchtlingsboote zu finden, steigt. In der Nacht werden die Stirnlampen mit einer roten Folie beklebt. Das dämmt das Licht und hilft, sich schneller an die Dunkelheit zu gewöhnen. Der Motor wird auf Schleichgang heruntergeschaltet, denn das reduziert die Geräusche am Schornstein. Die Gespräche werden auf Deck auf ein Minimum reduziert und im Flüsterton geführt.
Auch ich muss Wache schieben. Gerade mal 3 Stunden Schlaf habe ich bis dahin gehabt. Von Mitternacht bis zwei Uhr morgens stehen mein Kamerad und ich auf dem Beobachtungsdeck. Der Blick geht von vorne nach hinten und umgekehrt. Wir stehen Rücken an Rücken. Alle 2 Minuten wird die Richtung gewechselt. Mit einem Nachtsichtgerät suchen wir das Meer ab. Das reicht bis zu 3 Meilen weit. So entgeht uns nichts. Entdeckt einer etwas Ungewöhnliches, zeigt man mit gestrecktem Arm in die Richtung des Objekts, und ruft ohne auch nur einen Moment die Stelle aus dem Blick zu lassen die anderen Kameraden. Zu schnell verliert man sonst das Flüchtlingsboot in den hohen Wellen aus den Augen. Jetzt ist es ist kalt geworden und der Kragen wird gegen die schleichende Feuchtigkeit nach oben gezogen. Nachts kann man die Geflüchteten sogar hören. Sie rufen laut um Hilfe. Es ist ein bedrückendes Gefühl. Heute finden wir jedoch niemand. Wir sind niedergeschlagen, weil wir wissen, dass draußen auf dem Meer das Sterben unaufhaltsam weitergeht.
Jedoch am Folgetag können wir gleich 2 Boote mit insgesamt 77 in Seenot geratene Menschen retten. Das erste ist ein Gummiboot. Es auf dümpelt auf offener See fahrunfähig herum und ist den Wellen hilflos ausgeliefert. Es verliert unaufhaltsam Luft, weil sowohl die mit heißen Autoabgasen befüllte einzige Luftkammer im kalten Meerwasser schnell abgekühlt und zusammenschrumpft und zusätzlich das Gewicht des völlig mit Menschen überladenen Boots diese Luftkammer schwer belastet. Den Rest besorgt das Gift des Autoabgases, denn es greift die Klebestellen der Luftkammer unaufhaltsam von innen an. Keiner der Geflüchteten kann Schwimmen oder hat eine Schwimmweste an.
Das zweite Boot ist aus Holz. Es treibt seit Tagen fahrunfähig unter einer der vielen Bohrinseln vor Afrika mit Motorschaden herum. Dort kümmert sich niemand um die Not. Keiner will Kontakt mit den Geflüchteten haben. Sie machen nur bürokratischen Ärger. Die Geflüchteten haben kein Trinkwasser und auch keine Lebensmittel mehr. Einige sind deswegen dehydriert und andere teilweise schon regungslos. So haben sie sich ihrem unausweichlichen Schicksaal hingegeben. Wenn wir nicht zufälligerweise einen Funkspruch abgefangen hätten, würden die Menschen jämmerlich sterben.
Jeder hat seine Aufgabe, sie ist vielfach trainiert. Jeder Handgriff sitzt. Ich stehe an der Bordwand und ziehe die Menschen über die Außenleiter ins Schiff hinein. Da sehe ich einen kleinen Jungen, der vor Angst mit den Zähnen klappert. Er will nicht sterben. Beim „übernehmen“ drücke ich ihn erst mal fest an mich und ermutige ihn. Die Zeit nehme ich mir. Die Sprache spielt keine Rolle. Als ich Ihn im Rettungsschiff auf Deck loslasse, schenkt er mir ein kurzes Lächeln. Ich spüre, er hat verstanden, dass er nun in Sicherheit ist. Dann geht’s gleich weiter. Jetzt übernehme ich ein kleines Baby von der Schnellboot-Mannschaft. Es hat große aufgerissene Kulleraugen. Als Nächstes kommt die Mutter. Dann passiert es: Sie rutscht mir von der Hand ab. Im Affekt lehne ich mich weit über die Bordwand, greife nach - und erwische sie gerade noch am Handgelenk. Preis den HERRN, nochmal gut gegangen. Völlig erschöpft nimmt die Mutter ihr Baby entgegen. Mir steht kalter Schweiß auf der Stirn. Ein Blitzgedanke schießt mir durch den Kopf: „Was wäre gewesen wenn ... Doch zum Nachdenken bleibt keine Zeit, denn jetzt wird es hektisch: Es taucht ein Militärboot der lybischen Küstenwache auf. Es erhält ein „Kopfgeld“ von der EU für jeden nach Afrika zurückgebrachten Flüchtling. Normalerweise schneiden die Militärboote den Weg zwischen den Geflüchteten und dem Rettungsschiff ab. Daher muss alles schnell gehen. Noch sind nicht alle Flüchtigen vom Schlauchboot geholt worden. Das Risiko, wie bei der letzten Mission, als Schüsse fielen, können wir nicht eingehen. Unsere zusätzlichen Schnellboote rasen daher mit voller Kraft nochmals zurück. Die Mannschaften geben ihr Bestes und kommen mit den restlichen Flüchtigen an Bord zurück. GOTT SEI DANK wir haben sie alle noch in Sicherheit bringen können. Die Küstenwache steckte das leere Flüchtlingsboot in Brand und drehte danach ab.
Unser Schiff ist nun voll von Menschen. Barfuß mit nassen Kleidern und zitternd vor Kälte kauern sie auf dem Deck. Silberfolien, Decken und gespendete Kleider aus einer Kirchengemeinde werden verteilt. Erste Hilfe und Wasserflaschen werden angeboten. Die meisten Geflüchteten fallen vor Erschöpfung fürs Erste in tiefen Schlaf. Einige wimmern oder weinen. Unser Trauma-Team steht ihnen bei. Wir steigen mit Storchenschritten über die vielen Menschen und versorgen sie bis tief in die Nacht. In meiner Koje danke ich dem HERRN für sein großes Erbarmen und bemerke nicht einmal wie meine Füße ins Bett kommen, so anstrengend war der Tag.
Johannes Schweigler unterstützt https://sea-eye.org/



